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Bikingman Portugal

Während ich diesen Blog schreibe, chille ich an einem gemütlichen Plätzchen in einem AirBnB samt Pool in Fuseta. Gestern um ca. 12.30 Uhr durfte ich total glücklich, gesund und müde die Zielline des Bikingman Portugal in Faro überqueren. 55 Stunden und 34 Minuten benötigte ich für 1'009 km und knapp über 12'000 Höhenmeter durch die hügeligen Landschaften in Portugal. Ich habe in diesen Stunden so Vieles erlebt und lasse euch gerne an meinen Emotionen, Gedanken und Begegnungen teilhaben.


Am Montag, 4. Oktober hiess es um 03.00 Uhr aufstehen. Ich genoss mein Lieblingsfrühstück: Nature Porridge mit Wasser, Feigen, Kaki und Hüttenkäse. Dazu einen leckeren Cappuccino und die Morgenstimmung in unserem Sämi auf einem Stellplatz in Faro. Zusammen mit Roger fuhr ich anschliessend an den Start, mitten in Faro. In mir herrschte eine riesengrosse Vorfreude. Als wir bei der Fahrt zum Start einem schnuseligen Igel begegneten, spürte ich Glück und eine Zuversicht, dass mich ein tolles Abenteuer erwartet. Im Startgelände trudelten die Fahrer langsam ein. Es herrschte eine sehr schöne, familiäre Stimmung unter den Teilnehmern sowie den herzlichen Helfern und Organisatoren. Kein Stress, keine Hektik und kein überschüssiges Testosteron wie ich es an anderen Anlässen schon erlebt hatte. In 8er Gruppen wurden wir ab 05.00 Uhr auf die Strecke gelassen. Ich fuhr mit der dritten Gruppe los, ab in die Dunkelheit. Ich hatte Hühnerhaut und ein paar Tränen in den Augen als es für mich losging. Tolle Erinnerungen an meine zwei Teilnahmen 2014 und 2016 an der Tortour und Glück, dass ich solche Erlebnisse immer mit lieben Menschen teilen konnte und wie Roger mich jetzt, in den letzten Minuten vor dem Start, so herzlich unterstützte, überwältigten mich emotional.


Ich fuhr von Anfang an einfach mein Tempo, wie es mich mein Bruder lehrte, immer schön locker ohne Kraftanwendung in einer hohen Trittfrequenz pedalieren. Die morgendliche Stimmung war grandios und schon bald kamen die ersten Hügel. Ich fühlte mich super. Ich hatte wie immer einfach nur das GPS mit der Kartenansicht und der Route. Keine Zeit, keine Geschwindigkeit, keine Entfernung nichts. Schon bald hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Ich wusste weder wie weit ich bereits bin, noch wie viele Kilometer ich absolviert hatte und noch vor mir waren. Ich funktioniere am besten ohne Plan, ohne zu wissen was kommt und was war, einfach im Hier und Jetzt und nur auf meinen Körper hören. Erst, als ich das erste Restaurant auf der Route ansteuerte und dort auch andere Atlethen sowie ein paar der Organisatoren waren und mich fotografierten und interviewten wurden mir Zeit und KM bekundet. Ich ass einfach immer das, was mir in all den Restaurants, Bars und Cafés gerade glustete. Von Schnitzel mit Brot, Pizza, Falafel, jede Menge Chipspackungen, Schokoladengipfel und irgendwelche Teigtaschen mit undefinierbaren Inhalten. Dazu viel Cola, Kaffee und sonstige Süssgetränke. Unterwegs auf dem Velo hatte ich meine eigene Nussmischung, ein paar von meinen Lieblingsriegeln, Ingwer-Gummibärli und Salztabletten dabei. Zusätzliche Schoko- und Müesliriegel, welche ich unterwegs kaufte, ergänzten meinen Menüplan. Ich versuchte möglichst regelmässig zu essen und trank Wasser, welches ich an Brunnen und in den Restaurants jeweils wieder auffüllte.


Schon bald nach dem Start war ich alleine unterwegs und in meinem Trott. Die Strecke war ein stetiges Auf und Ab. Der höchste Hügel knapp 600 m ü. M. Und dann war da noch dieser unglaubliche Wind. Auf den ersten 340 km bis zum ersten Checkpoint in Vila Viçosa blies mir dieser fast nonstop ziemlich stark ins Gesicht. Gegenwind und dieses hoch und runter nagten irgendwann an meinen Nerven. Ich hatte mein erstes, kleines Tief. Ich dachte wenn doch nur Roger da wäre... kaum schwirrten mir diese Gedanken durch den Kopf fuhr mir plötzlich ein weisser Lieferwagen entgegen. Zuerst dachte ich schon ich hätte eine Phatamorgana, als mir Roger aus dem Fenster zuwinkte. Er machte dann kehrt und fuhr nochmals an mir vorbei. Er feuerte mich an und das tat mir gut. Ich wusste, ich bin nicht allein, es gibt liebe Menschen die mich in Gedanken begleiten. Ich kam wieder in einen Flow und versuchte den Wind und dieses unaufhörliche Auf und Ab zu ignorieren. Jede Pedalumdrehung bringt mich dem Ziel ein Stück näher, wurde zu meinem Mantra. Ich genoss die schöne Landschaft, die herzigen kleinen Dörfer, ab und zu ein vorbeifahrendes Auto. Irgendwann machte ich mir langsam Gedanken über meine Taktik während der Nacht. Ich sprach zu mir selbst und bat, falls mich Jemand im Universum hören könnte, um einen Fahrer der mich in der Nacht begleiten würde. In etwa so, wie ich im letzten Blog geschrieben hatte. Dann plötzlich, ca. bei KM 280 kamen zwei Fahrer von hinten. Ich hatte gerade zu einem anderen Fahrer aufgeschlossen. Wir fuhren eine Zeitlang zu viert. Immer zwei nebeneinander und die beiden hinteren den nötigen Abstand, weil Windschattenfahren zum Glück verboten war. Da muss ich wirklich sagen, haben sich immer alle schön daran gehalten, ist ja auch Ehrensache und an Selfsupported Rennen machen wohl auch nur ehrliche Leute mit. Irgendwann waren wir dann nur noch zu zweit. Ich und dieser Typ, ich wusste dann noch nicht mal wie er hiess. Wir hatten noch kein einziges Wort gewechselt. Jeder in seinem Flow, nebeneinander. Dann kam ein Hügel und jeder fuhr sein Tempo. Ich musste in der Mitte anhalten und in meine Nussmischung greifen. Als ich oben ankam, stand dieser Typ am Kreisel und wartete. Ich fragte ihn ob er jetzt extra auf mich gewartet habe? Er meinte ja, und sagte wir haben dasselbe Tempo und können doch zusammenfahren. Dieser nette, junge Typ war Valentin aus Frankreich. Hat mich doch jemand gehört? Es war wie Schicksal. Es wurde langsam dunkel und irgendwann erkundete ich mich nach seiner Strategie in der Nacht. Da es auch für ihn das erste solche Abenteuer war, meinte er, dass er beim 1. Checkpoint nach 340 km ca. eine Stunde Pause machen und etwas Richtiges Essen möchte. Dann wolle er weiterfahren und ca. um 02.00 Uhr ein zweistündiges Powernap machen. Seine Freundin sei Krankenschwester und habe selber schon solche Rennen gemacht und gesagt, dass der Körper zwischen Mitternacht und 05.00 Uhr Morgens ganz runterfahre und dass wenn man schlafe, man es am besten in dieser Zeitspanne tun solle. Er sagte ich dürfe ihn gerne begleiten wenn ich wolle. Da musste ich nicht überlegen und war sofort begeistert. 


Beim ersten Checkpoint begrüssten uns die lieben Helfer ganz herzlich. Unsere Flaschen wurden aufgefüllt und wir konnten die Akkus unseres GPS und der Lampen laden. Wir genossen dann eine leckere Pizza in einer Pizzeria. Um 23.00 Uhr fuhr ich mit Valentin weiter in die dunkle Nacht. Es war stockdunkel. Nur der Lichtstrahl unserer Lampen war zu sehen und ab und zu ein paar Lichter, wenn wir eine Siedlung oder ein Dorf passierten. Nach weiteren 100 km meinte Valentin, dass wir uns jetzt ein Plätzchen für ein Powernap suchen werden. Bei einem Tierspital hatte es kleine Terrassen mit Windschatten, wo bereits ein Mitstreiter sein Nap machte. Wir legten uns mit unserem Biwaksack auf den harten Betonboden und umhüllten unseren Körper mit der Rettungsdecke. Ich wusste gar nicht, dass die Rettungsdecke so wirksam ist. Es war hart, kalt und unbequem. Doch geschlafen habe ich vor lauter Müdigkeit wohl doch, denn es war bereits 05.00 Uhr als wir beschlossen aufzubrechen. Der andere Fahrer war bereits weg. Das hatte ich überhaupt nicht bemerkt, ein weiteres Indiz, dass ich doch geschlafen hatte.


Es war ziemlich frisch als wir weiterfuhren. Die Strecke immer noch ein auf und ab und der Wind meinte es auch noch nicht gut mit uns. Der Abschnitt bis zum zweiten Checkpoint in Sagres war weniger schön. Viele lange Strecken auf viel befahrenen Strassen. Wenn man müde ist, es gegen einen windet und man dann noch diese vielen Autos hat, welche an einem in einem horenden Tempo vorbeirasen, braucht es viel Positives. So hatte ich dann meine einzige, wirklich grosse Krise. Nach rund 600 km kamen meine Zweifel. Ich fragte mich, wie ich noch 400 km schaffen soll? Meine Füsse brannten, ich hatte Hunger, war es leid immer nur hoch und runter und den Wind hätte ich weiss nicht wohin verbannen können. Endlich fanden wir ein Dorf mit einem Laden. Ich schrieb meinem Bruder und Vivianne. Vivianne lernte ich an der Tortour 2016 kennen, welche sie bei den Damen gewann. Mit ihr durfte ich im 2018 an der Tour Transalp eine unglaublich coole Woche durch die Alpen erleben. Und auch hier hat sie mich von Beginn weg immer mit lieben Worten per SMS motiviert. Sie, mein Bruder und Roger fanden die richtigen Worte, wenn auch nur per SMS, es tat gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die so fest an mich glauben und mir ihre positiven Gedanken übers World Wide Web zukommen liessen. Ich ass so viel ich konnte, nahm Salz und fasste neuen Mut. Ich wusste, dass Krisen kommen, ich wusste aber auch, dass diese wieder gehen. Und es ging tatsächlich, ich konnte mich erholen und spürte wieder diese Freude und das Privileg hier dabeisein zu können. Und dann auf den letzten 20 km vor dem zweiten Checkpoint hatten wir den Wind endlich im Rücken. Wir flogen nur so dahin. Beim Checkpoint zwei in Sagres kamen Valentins Eltern und Roger zum anfeuern. Auch dort wurden wir von lieben Helfern umsorgt. Es hatte Matratzen wo wir uns für ein 40 minütiges Powernap hinlegten, während draussen die zweite Nacht hereinbrach.


Bevor wir uns auf den letzten Abschnitt begaben gingen wir in Sagres in ein Restaurant. Für mich gab es einen Falafel inklusive Pommes. Die Helferinnen am Checkpoint haben uns für die Nacht noch ein Picknick mitgegeben, weil ja alle Läden etc. über Nacht geschlossen haben. Der Wind liess endlich nach. Ich fühlte mich am Anfang ziemlich frisch und in der Nacht fährt es sich gut, weil alles dunkel ist und man das Zeitgefühl noch viel mehr verliert. Irgendwann wurde ich dann von einer totalen Müdigkeit eingeholt. Körperlich war alles immer noch gut, nur die Augen konnte ich fast nicht mehr offen halten. Auch hatte ich plötzlich Halluzinationen. Ein Elefant entpuppte sich als Müllkontainer und Pfeile auf der Strasse waren keine Schlangen. Nur die Wildschweine, welche vor uns die Strasse querten, waren echt. 🙈 Ein anderer Fahrer hatte mir zum Beginn von seinen Halluzinationen an einem anderen solchen Event erzählt und nun sah auch ich die lustigsten Sachen. Auch Valentin hatte mal eine schwierige Zeit. Dann versuchten wir uns mit plaudern wach zu halten. Ich hatte mehrmals den Drang mich einfach hinzulegen und die Augen zu schliessen. Mit Zwinkern, Augenfalten, Augenspreizen und mir zusprechen und sagen "nein Cristina du bist nicht müde" habe ich diese Müdigkeitskrise irgendwie überwinden können. Irgendwann haben wir einen anderen Fahrer eingeholt. Wir fuhren dann zu dritt und haben uns gegenseitig wach gehalten. Als es endlich Tag wurde, ging es auch mit der Müdigkeit etwas besser. Um 08.00 Uhr fanden wir endlich ein Café das offen war. Es gab zwar keine Gipfeli, wieder nur Chips und Schokoriegel. Aber immerhin noch einen heissen, grossen Kaffee. Nun trennten uns noch 100 km bis zum Ziel. Die ersten 50 gingen gut, dann wurde es richtig heiss und noch eine mentale Herausforderung. Du meinst jetzt hast du es dann bald, dann kommt immer und immer wieder ein Hügel. Die letzten 10 km kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Umso schöner, als wir die letzte Kurve in Faro am Hafen vor uns hatten und auf die Zielgerade, samt rotem Teppich abbiegen konnten. Im Ziel wurde uns zugejubelt. In Worte zu fassen was da in mir vorging ist nicht möglich, aber ihr habt vielleicht selber schon solche Sachen erlebt und wisst wie es sich anfühlt. Weil ich doch tatsächlich als 16. Overall und erste Frau im Ziel eintraf, bekam ich neben der Finishermedaille und dem Diplom noch ein Geschenk von Ortlieb. Auch durfte ich noch ein Interview geben und alle haben sich mit mir gefreut. Ich bin unendlich dankbar und happy, dass alles so gut gegangen ist. Auch wenn ich Juli und August keinen einzigen KM mit dem Rennvelo zurücklegen konnte und ich deshalb eigentlich gar nicht starten wollte, musste wohl alles so sein. Mein Rennvelo funktioniert wieder, ich war zwei Wochen alleine mit Sämi unterwegs, fand wieder meinen Flow und das Vertrauen, dass alles so kommt wie es kommen muss und man einfach offen und unbekümmert durchs Leben schreiten kann. Auch, dass dieser Valentin plötzlich da war, die lieben SMS zur richtigen Zeit, all die Fahrer die mich immer pushten, die herzlichen Helferinnen und Helfer, die super Organisatoren, die familiäre Stimmung, die Liebe von Roger und meine Einstellung "just go with the flow" haben dies möglich gemacht. Es ist unglaublich für was unser Körper fähig ist, sofern es "zwischen den Ohren" stimmt. Nur mein rechtes Knie ist geschwollen und in meinen Füssen und den jeweils zwei äussersten Fingern habe ich seit der Ankunft kein Gefühl mehr. Letzte Nacht konnte ich tief und fest schlafen. Morgen Abend ist in Faro die Finisherparty mit einem Dinner. Da werden Roger und ich gemeinsam gehen und ich kann mich nochmals bei all den lieben Menschen bedanken und mit allen gemeinsam über all die erlebten Geschichten plaudern und lachen.


Dieser Blog wurde ziemlich lang. Merci, falls du bis zum Schluss gelesen hast und ich mit dir dieses für mich unvergessliche Abenteuer teilen durfte.


Ps: das Interview (siehe Video unten) war für den Radio Cyclo auf Französisch vor dem Start und ich bin leider alles andere als sprachbegabt 🙈😅


Pura vida

Cristina


Story auf BikingMan

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Kommentare: 1
  • #1

    Gaby Kammradt (Freitag, 08 Oktober 2021 17:47)

    Einfach grossartig, Christine! Herzlichen Glückwunsch zu dieser Leistung!